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Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space | Pressetext

 

Ladies And Gentlemen We Are Floating In Space

Math Bass | Sara MacKillop | Monika Stricker

2. Februar bis 23. März 2019

 

Das Lustige an Bibliothekskellern: Egal wie interessant deine Lektüre ist, die fette blaue gestreifte Spinne, die am Fenster lauert, schafft es dennoch, dich abzulenken und deine schlimmsten Albträume wahrwerden zu lassen. Trotz der fabelhaften Geschichten über die Systeme, in die du verliebt bist, der Bildermacht, der Beschützer des (Hyper) Realen und der Philosophen des Banalen, die du durchliest, fesselt dieses obskure haarige und in seinem Seidennetz krabbelnde Wesen deine Aufmerksamkeit, weckt deine Ängste und Faszination. Das einzige, was dich und deinen kleinen Freund trennt, ist ein hochmodernes doppelseitiges und mit allen möglichen Rissen, Flecken, Fingerabdrücken und Staub ausgestattetes Fenster.

 

Die kulturelle Bedeutung und textuellen Implikationen des Fensterkonzepts betrachtend gelangt man schnell in einen spannenden neuen kritischen Raum. Woher kommt es, dass wir das Fenster so selten sehen und einfach hindurchschauen? Es geht um eine Barriere, die eine als „Innen“ konzipierte Räumlichkeit von ihrem „äußeren“ Doppelgänger unterscheidet; die letzte feine Grenze zwischen einer beruhigenden Vertrautheit und dem beunruhigenden Unbekannten. Obwohl es in der Lage ist, all die pelzigen, blau gestreiften Spinnen der Welt fernzuhalten, stellt sich folgende Frage: Wie können wir das Fenster so betrachten, wie es wirklich ist? Wie konnte es sich überhaupt von irgendeiner funktionellen Heteronomie befreien, die seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geprägt hat, und einfach in das Reich des Realen mit seiner stolzen Dinglichkeit in den Vordergrund eintreten?

 

Math Bass skulpturale Arbeiten spielen auf den plötzlichen Tod des Formalismus an und scherzen darüber, was es wirklich bedeutet, sich in einen aufgeblasenen Ballon zu verlieben. Sara MacKillop verbindet die Punkte zwischen dem Readymade und den Sternen, während Monika Stricker unser Verhältnis zu geschlechtsspezifischen Identitäten und Materia Prima neukartiert.

 

Das Ding fand seinen Weg in verschiedene diskursive Kämpfe, die die zeitgenössische Kunstpolitik gewaltsam in die Irre geführt haben und die leicht verwundeten aber immer noch mächtigen modernistischen Strukturen des kontinentalen Denkens hinterfragt haben. Die Instabilität, die Paradoxien und die unerforschten Orte ausnutzend, die sich bei einer solchen Gelegenheit eröffnen, konfrontiert die Ausstellung eine Reihe verschiedener Materialien und Medien, die sich mit dem Objekt nach dem Tod des Objekts, dem Immateriellen an der Spitze des Webkapitalismus und den Alpträumen der
Produktplatzierung befassen.

 

Wenngleich ein problematischer Begriff wird der „Spekulative Realismus“ von einer Reihe von Denkern aus den Bereichen Philosophie, Politikwissenschaft, kritischer Theorie und Kunst verwendet, um Themen und Konzepte von Materie, Materialität, menschlicher Kognition und Wahrnehmung anzusprechen.

In dem Moment, in dem das sich ständig wandelnde Thema des „Digitalen“ miteinbezogen wird – ob von digitalen Identitäten, Suchmaschinen, virtueller Realität, durstigen Instagram-Posts, falsch geschriebenen Tweets, knusprigen Memes und dem quälenden Tod von Facebook die Rede ist – lässt sich eine faszinierende Geschichte erzählen.

 

Wie können wir die Welt um uns herum mit den gleichen Analysewerkzeugen ansprechen, einschätzen und verstehen wie ein bärtiger, nicht gepflegter, aber höchst charmanter Philosoph des 18. Jahrhunderts? Die Dinge sind nichts weiter als Dinge, die für immer in diesen von uns zugewiesenen stummen Zwischenräumen isoliert warten; sie stellen keine Fragen, fordern keine Antworten und schlagen uns nicht auf den Kopf. Lange nachdem wir gegangen sind, werden alle unsere Sachen, Dinge und Objekte, egal ob mit einem gewissen duchampischen Witz aufgeladen oder nicht, weiterleben.

 

Und dann, meine Damen und Herren, dann schweben wir im Weltraum. Flieg einfach vorbei am zweiten Stern rechts und dann immer geradeaus bis zur Morgendämmerung.

 

 

Haris Giannouras