Clages Gallery | Claus Richter und Oliver Tepel – Tendre est la nuit – Pressetext #1
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Claus Richter und Oliver Tepel – Tendre est la nuit – Pressetext #1

Lio
-Lio
-Amour tourjours
beide: Ariola
beide als Vinyl und CD nur Second Hand erhältlich.
Es gibt da so eine Vorstellung von der vorlauten, rotzigen Göre mit knallrotem Lippenstift als weiblicher Archetypus der frühen 80er. Eine eigenartige Melange gemacht aus den letzten Balina-Deutschrock-Prinzessinen im schachbrettkarierten NDW Blüschen. Knapp vorbei ist aber auch daneben.
Knapp vorbei ist jedoch vor allem meilenweit weg von der wundervollen Musik diverser bedeutender Imagetägerinnen. Lio muss im Flugzeug zwischen New York und Paris erdacht worden sein. Die Achse, aus Lärm, Disco-Funk, Elektropop und Mode lieferte um 1980 rasche Datentransfers – Abgleichen der Ideen, sehen was wo geht. Eine Diva, so artifiziell und klug wie Christina sollte es sein und (der französische Beitrag) ein frühreifes Mädchen, verbotene Gelüste und die Weisheit eines alten Mannes, sagen wir: Gainsbourg.
All das schwirrte in einem Kopf rum. Der hippe Pariser Songwriter Jay Alanski (heute: A Reminiscent Drive), dachte im belgischen Exil laut über neue Popmodelle nach: Plastic Bertrand, Lou & the Hollywood Bananas hießen seine One-Hit-Lieferanten, als ihm dieses gerade volljährige Portugiesische Mädchen über den Weg lief.

Die junge Lio verkörperte all seine konzeptuellen Ambitionen, beflügelt schrieben er, Texterkumpel Hagen Dierks und Avantgarde-Rocker Marc Moulin kleine, intelligente Pop-Meisterwerke. Lio sang alles mit einer unendlich charmanten Quäkstimme. Auf dem Cover der ersten LP posiert sie als Anziehpüppchen, die beigelegten Ausschneidekleider spielten mit der Phantasie des Käufers. Sexistisch? – Nun, bei ihren Auftritten ließ Lio keinen Zweifel, daß sie das Spiel verstand und daß es ihr um Selbstbewußstein ging.
“Bébé Vampire t’as vu, prend la pose
Et avant de te prendre la vie”
Jenes wissende Augenzwinkern, das jenseits der Ärmelkanals Altered Images’ Claire Grogan ebenso gut beherrschte, war ein typischer Gestus der frühen 80er, untermalt von Lios Klassiker: “Amoureux Solitaires”. Dessen Autoren Elli Medeiros und Jacno kamen aus der Pariser 76er Punk Band Stinky Toys und hatten sich zum Minimal-Synthiepop-Duo zusammengetan. Beide sahen extrem toll aus, konnten einiges, doch ihre Einsamkeits-Hymne wurde erst dank Lios Interpretation zum Europahit. “Je suis sage comme une image
mais pas pour ton usage”

Auf die LP folgen in den nächsten 2 Jahren nur eine Handvoll Singles. “Suite sixtine” trieb die Cleverness auf die Spitze, “Mona Lisa” von 1982 deutete eine Wendung an, welche auf der Anfang ‘83 erschienen zweiten LP offenbar wurde. Lio von niemand anders als Robert Doisneau als Schönheit von nebenan abgelichtet und in ein Moritz Rrr Dekor verfrachtet war nun die junge, mal ausgelassene, mal nachdenkliche Pariserin. Die Rückkehr der France Gall. Die erste Seite von “Amour toujours” enthält liebreizende Chansons und fröhliche Gitarrenpopsongs. ”Das ist der schlimmste Sound, den ich je hier gehört habe”, meinte mal wer zu mir, als ich mich erdreistete eins der Stücke im Liquid Sky zu spielen. Will heißen: der Wandel war geglückt und gelungen. Ohne grenzüberschreitende Hitaussichten war es eine bessere Version von Lios Selbst, als in die Blutjunge-Verführerinnen-Ecke abzudriften (dies sollte Vanessa Paradis Aufgabe werden).
J’demande pas qu’on m’tende un mouchoir
Je joue pas les jeunes filles sensibles

Auf der zweiten Seite verschwindet das Augenzwinkern. Fünf nicht sehr fröhliche, wenn auch sehr innige Chansons, Lios schon auf dem Debut aufblitzendes Jazz-Talent ausprobierend und dabei ein Paar Tränen vergießend, schließen den ersten Kreis in der Geschichte einer Sängerin als Identifikationsfigur Anfang der 80er. Sie beweinen nicht das Verblassen der bunten Bilder aber begleiten an schlechten Tagen wie es heutzutage nur eine Silje Nergaard vermag. Lio wird drei Jahre später noch eine interessante, teils von John Cale produzierte und von Isabelle Antena geschriebene Platte aufnehmen, aber das ist nicht das Thema. Es ging um die Konstruktion eines schillernden Selbst, geboren aus einem kecken Lächeln und dem Wissen um die richtigen Leute an seiner Seite. Das ist mehr als Revivals zur Zeit transportieren.
Oliver Tepel
(Aus: Spex 11/2002 Kolumne: „Wiederentdeckt“)