Clages Gallery | Sara MacKillop – more lines – Pressetext
16294
page-template-default,page,page-id-16294,ajax_fade,page_not_loaded,,qode-theme-ver-13.2,qode-theme-bridge,wpb-js-composer js-comp-ver-5.4.5,vc_responsive

Sara MacKillop – more lines – Pressetext

23. Mai bis 21. Juni 2014

 

Lebenslinien. Eine Reihung kleiner Objekte oder Geschichten, vielleicht mit einem sorgfältig ausgewählten Stift auf das passende Briefpapier geschrieben oder auf einer Schreibmaschine getippt, mit einiger Übung fast ohne Einsatz des Korrekturbandes. Dabei liegt eine gewisse Faszination im Verschwinden der Buchstaben hinter seiner weissen Schicht. Sind sie wirklich fort? Oder nur mit gutem Willen, oder gar Bösem? Immerhin ist ihre Existenz auf dem Papier stets unbestreitbar, sie wird nur weg gedacht. Man sieht nicht so genau hin. Noch größer war die Faszination an der Quelle der Papiere und Schreibutensilien, jene kleinen Einzelhandels-Geschäften, die heute nur noch auf Dörfern oder in Vorstädten anzutreffen sind. Vielleicht deuteten Aufkleber bunter Stifte an den Schaufenstern schon auf das, was drinnen zu finden war. Nie arbeiteten dort junge Menschen und die Alten hinter der Holztheke wussten, keine Nachfolger zu finden. Ihre Linien endeten. Dabei waren Linien Teil ihrer Tätigkeit, sie verdienten an Lebenslinien: Schreib- und Spielwaren. Ein bestimmter Duft lag in diesen Läden, nach Papier und Spielzeug aus Plastik, Modellbausätze vielleicht. Ich mochte ihren Duft mehr, als die Aufgabe, die sie mir stellten. Kleber kleckerte über feine Kanten, vom Bemalen mit diesen durchaus verführerischen Farben aus den kleinen Metalltöpfchen gar nicht zu reden. Aber wovon rede ich hier überhaupt? – Von Kunst und von Sara MacKillop. – Ach, und das wo bitte?

Vielleicht ab jenem Moment, in dem die Stifte, Radiergummis, Metallreiter, welche Kartonhüllen markierten, die Spitzer, Lineale sowie die mannigfaltigen Formen, Texturen und Farben von Papier eine größere Anziehungskraft entwickelten, als die Spielzeuge. Hier erwacht der Reiz, aus den Dingen etwas zu machen, wofür sie nicht vorgesehen waren. Und ein Blick für Details. Vielleicht ein Echo jener in sich vertieften Momente der Kindheit, als in allen Dingen Leben atmete. Nein, nichts Infantiles, sondern die hohe Schule das Assoziation, welche die Welt ordnet und zugleich erweitert. Sie schafft also Regeln und im selben Zug Unsicherheiten. Eine Zeit lang begann seriöse Kunst dort, wo man sich der Regeln des Assoziativen und damit der Kindheit entledigt sah. Das Konzept war eine Struktur, aber dennoch hatte sie manchmal Angst vor rot, gelb und blau.

Sara MacKillop sucht diese Angst nicht. Sie weiss von weit subtileren Ängsten: Vom Verschwinden der Dinge. So ist ihre Arbeit eine Art des Bewahrens, sichtbar gemachte Verwandlungen. Im Dienste Sara MacKillops assoziativer Kraft sehen wir Häuser in gefalteten und ausgeschnittenen Briefumschlägen oder entdecken seltsame Papierrollen im Raum die mit dem Boden verschmelzen, wenn wir denn nur genau genug hinsehen. Der Wandel offenbart sich als Befreiung und Tragödie zugleich. Wie beim Umschlag eines über Jahrhunderte aufbewahrten Buchs, der von einem Wasserschaden zerstört wurde. Doch ist seine neue Struktur nicht ebenso schön? Diesen Gedanken ermöglicht der kontextlose White Cube, jenseits aller Verpflichtungen der historischen Perspektive des Bewahrens.

 

Oder sind wir doch im Schreibwarenladen und alles ist ausser Rand und Band? Sara MacKillop befragt unsere Konzeption der Realität mittels ihrer kleinen Objekte. Im Sinn von Kants Transzendentalphilosophie findet sie kein Ding an sich, sondern nur unstete Benennungen. Dennoch verbreiten ihre relativen Arbeiten eine freundliche, introspektive Ruhe der Relativität und zugleich die kecke Selbstbehauptung: Hier bin ich! Ein logischer Widerspruch?

The idea came. Last night he’d looked up at the universe without. Then there must be a universe within, too. Maybe universes.

He stood again. Why had he never thought of it; of the microscopic and the submicroscopic worlds?

That they existed he had always known. Yet never had he made the obvious connection. He’d always thought in terms of man’s own world and man’s own limited dimensions. He had presumed upon nature. For the inch was man’s concept, not nature’s. To a man, zero inches meant nothing. Zero meant nothing. But to nature there was no zero. Existence went on in endless cycles. It seemed so simple now. He would never disappear, because there was no point of non-existence in the universe. It frightened him at first. The idea of going on endlessly through one level of dimension after another was alien.

Then he thought: If nature existed on endless levels, so also might intelligence. He might not have to be alone.

Richard Matheson –The incredible shrinking man

 

Oliver Tepel