Clages Gallery | Bernhard Walter – Sechs Dekorationsvorschläge für mein Zimmer – Pressetext
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Bernhard Walter – Sechs Dekorationsvorschläge für mein Zimmer – Pressetext

2. Juni bis 14. Juli 2012

« Material, Raum und Farbe sind die Hauptaspekte der bildenden Kunst. Jedermann weiß, dass es Material gibt, das man mitnehmen und verkaufen kann, aber niemand sieht Raum und Farbe. Zwei Hauptaspekte der Kunst sind unsichtbar, das grundlegende Wesen der Kunst ist unsichtbar. Die Ganzheitlichkeit der bildenden Kunst wird nicht gesehen.» (Donald Judd)

Donald Judd prophezeite in den 60er Jahren der rechteckigen Form des Bildträgers eine kurze Lebensdauer und erklärte Material, Raum und Farbe zu den Hauptaspekten der bildenden Kunst. In seiner dritten Einzelausstellung in der Galerie Clages greift Bernhard Walter die von Judd proklamierten Komponenten auf. Er lässt in der Ausstellung „Sechs Dekorationsvorschläge für mein Zimmer“ Raum und Farbe sichtbar werden, indem er sie zu einer Symbiose verschmilzt.

Fast schweben die sechs farbig gestalteten Leinwände im Galerieraum, indem sie von grau nuancierten Textilien Draperie-artig umgeben werden. Tiefes Blau, strahlendes Gelb wie auch leuchtendes Orange sind sanft vom Textil umspielt, welches sie von der Wand zu lösen scheint.

Stoff und Farbe bilden in ihrer Kombination eine eigenständige Dynamik, die spielerisch Wahrnehmung und Schwerkraft in Frage stellt. Die nahezu perfekte farbliche Oberfläche in Kombination mit dem Gewebe verleiht den Werken eine surreale Ambivalenz. Während das Textil dem Bildgeviert eine irritierende Lebendigkeit verleiht, lässt es dieses und somit sich selbst durch die perspektivische Assoziation in den Raum ragen. Die beinahe ebenmäßig ausgefüllten ‚Bildgevierte’ werden ihrer ursprünglichen Funktion, dem Gemälde, entzogen.

Die Grundmerkmale Farbe, Fläche und Linie sind auf diese Weise verwoben. Farbe fungiert hier als strukturelles Material, das dominierend den individuellen Rahmen bestimmt. Textil wird zum farblich nuancierten Erlebnis, indem es in gestischer Form in den Raum greift. Die Linie reduziert sich auf die harte Kante der Gestalt der Farbtafel, welche wiederum im Kontrast zur wallenden Bordüre des Objektganzen steht. In diesem Zusammenspiel wird eine traditionelle Auffassung des Bildmotivs aufgebrochen.

Das Material Textil spielt eine besondere Rolle – es trägt das Motiv und ist es zugleich selbst. Die Farbfläche trennt sich vom Bildträger und wird sublim von ihm umspielt.

Sabine Schiffer