Clages Gallery | Bernhard Walter – Catch Sight Screening – Pressetext
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Bernhard Walter – Catch Sight Screening – Pressetext

21 January bis 19. Februar 2011

›Catch Sight Screening‹ – die Präsentationsform führt den Betrachter der Ausstellung mitten in das Geschehen eines kaleidoskopartig aufgefächerten Raums. „To catch a sight“, einen Blick erhaschen, wird hier zum erwünschten „Fangen des Augenblicks“ von sechs zeitgleich abgespielten Videos. In dieser Ausstellung zeigen Künstler der Galerie Clages den unterschiedlichen Einsatz des Mediums innerhalb ihres künstlerischen Schaffens.Protest gegen austauschbare Prinzipien ist ein zentrales Element in Juan Pérez Agirregoikoas Arbeit. Um diesem Ausdruck zu verleihen, nutzt der Baske Banner mit Schriftzügen. Auch in seinen kleinformatigeren Zeichnungen und Aquarellen hinterfragt er die Trivialität modernen Heldentums. Im Video ›The Inner Beauty of Human Beings‹ von 2010 verschmelzen diese Ansätze. Die von den Medien der ‚Yellowpress’ Prominenten zugeschriebenen Slogans setzt Agirregoikoa in einen Zusammenhang mit einem bewusst gewählten Bildausschnitt, der die Texte konterkariert.

In Rita McBrides Video ›Bon Anniversaire‹ von 2010 sieht der Betrachter die Künstlerin unbeteiligt und wie selbstverständlich durch Objekte spazieren, die aus Science Fiction und Traumwelten bekannt sind. Dabei verortet sich McBride in diesen visionären Welten. Gleichzeitig entsteht eine Kontextverschiebung, indem sich normalerweise hochästhetische Filmprops als abgestellte und demolierte Wracks in der realen Welt zeigen. Aus der Lakonie der realen Szenerie, einer Lagerstätte von visionären Props – Flugzeuge des nahen Flughafen Fiumicino starten und landen – entsteht ein Kontrast zwischen Realität und Fiktion, Original und Kopie.

Marina Naprushkina erzählt in ›Patriot II‹ eine kleine Geschichte. Die Künstlerin ist die Protagonistin ihrer eigenen Arbeit aus dem Jahre 2007 – sie hält ein Bild des weißrussischen Präsidenten Lukaschenko unter dem Arm und trägt es durch das Straßengeschehen von Minsk. Am Bestimmungsort angekommen, hängt Naprushkina das Porträt des Staatschefs an die Wand und lauscht der Nationalhymne mit Stolz erfülltem Blick. Ganz typisch für ihr Schaffen beschäftigt sich die Künstlerin auch in dieser Arbeit nahezu grenzgängerisch mit dem System ihres Heimatlandes Weißrussland und provoziert die Konfrontation von propagandistischen Mitteln mit dem Alltag ihrer Heimat.

Anne Pöhlmanns Arbeit ›Computer Game‹ ist durch aneinander gereihte schwarz-weiß Fotografien entstanden. Die äußere Fassade einer Parkgarage, von innen betrachtet, bot der Künstlerin die entsprechenden Motive für ihr Loop-Video aus dem Jahre 2005, das im Original mit einem ebensolchen Sound unterlegt ist. Die technischen Mittel, die Montage und die signifikante Lichtsituation – hervorgerufen durch die besondere Architektur des Gebäudes – beschwören beim Betrachter ein unbehagliches Gefühl herauf. Das Video ist eines aus einer Gruppe von vier, die allesamt choreografisch innerhalb von Architektur zu verstehen sind. Der Eindruck, dass es sich dabei um bewegte Bilder handelt, wird durch eine starke Verlangsamung erzielt und ist eine direkte Referenz zu Pöhlmanns Beschäftigung mit der Fotografie.

In seinem Video ›Conveyor Cave‹ aus dem Jahre 2006 ist Claus Richter Captain Hook, ausgestattet mit einer Schatzkarte, verlässt er sein Schiff zur nächsten Expedition. Doch anstatt eines unzivilisierten Dschungels findet er eine Opel-Montagehalle vor, in der Autoteile durch Roboter zusammengesetzt werden. Die Figur Hook wirkt dort völlig deplaziert. Dieser Eindruck entsteht vor allem dadurch, dass er die Montagehalle auf die gleiche Weise erforscht, wie es ein Entdecker auf einer Pazifikinsel tun würde. Richter komponierte zu dieser Arbeit einen Filmscore, zu dessen Takt die Roboter sich bewegen. Abschließend verlässt der Protagonist den Ort des Geschehens und schippert auf seinem Schiff gen Sonnenuntergang. Richter verkehrt die reale Welt in die der Illusion und die illusionistische Welt scheint den Platz der realen einzunehmen.

Die Arbeit ›Stereoptikon‹ von Bernhard Walter entstand 2005. Duchamps Auseinandersetzung mit optischen Phänomenen veranlasste ihn in zwei Diapositiven eine räumliche Konstruktion in leichter Versetzung einzugravieren, mit dem Ziel, eine dreidimensionale Imagination zu erreichen. Er betitelte sie ›Stereopticon‹. Walter setzte diese Konstruktion in ein reales Stahlobjekt um. Die 2,80 Meter hohe Arbeit wurde über der Spree montiert, sodass sie von einem Fenster aus zu betrachten war. Die filmische Dokumentation führt das Motiv auf die zweite Dimension zurück.

Die drei Stellagen in der Mitte des Raumes sind ebenfalls von Bernhard Walter und werden unter dem Titel ›Drei Türme‹ als eigenständige Skulptur gesehen. (Eisen, Lack, 2011)

Britta Rübsam